BTMK – Ensemble und Chor

Türkische Kunstmusik

Zufall, Wille und Durchhaltevermögen, das sind Dinge, über die Oud-Spieler und Musiklehrer Nuri Karademirli (1950–2013) sehr viel sagen konnte. Als er 1969 mit 19 Jahren während einer Konzertreise nach Berlin kam, wurde seine ihn begleitende Mutter schwer krank. Er brach die Tournee ab und blieb in Deutschland, um bei ihr sein zu können. NURI KARADEMIRLI begann in Berlin zu arbeiten, Musik zu unterrichten und gründete 1978 im Wedding den ersten türkischen Chor Berlins.

Doch Nuri Karademirli hatte einen weiteren, großen Plan

Er träumte von der Gründung eines Konservatoriums für türkische Musik in Deutschland. Von der Idee bis zur tatsächlichen Eröffnung 1998 hat Karademirli unermüdlich und mit großer Energie 14 Jahre lang viel Überzeugungs- und Planungsarbeit geleistet. Längst hat sich seine renommierte Hochschule für türkische Musik in Berlin-Kreuzberg einen Namen gemacht. Das Durchschnittsalter der Schüler und Chorsänger ist 25 Jahre. Karademirli war besonders stolz darauf, gerade junge Menschen für die türkische Musik begeistern zu können.

Die Lieder, die der Chor des Konservatoriums für das Projekt Heimatlieder aus Deutschland aufgenommen hat, sind im Stil türkischer Kunstmusik komponiert, also im Stil der türkischen Klassik. Sie sind in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und überall im Lande so bekannt, dass sie eigentlich fast zu Volksliedern geworden sind. Nuri Karademirli nannte sie deshalb „volkstümliche Lieder“.


1. Adalardan Bir Yar Gelir

Adalardan bir yar gelir bizlere / Aman Allah gözlere bak gözlere / İpek de çorap varsın düşsün dizlere –hey yallah / Hoş yaratmış Allah / Pek şirindir billah İşvebazdır vallah / Çapkınlardan kolla Adalar’ın ıssız tenha yolları / Boynumda kaldı o yarin kolları / Menekşelerden biçilmiştir şalvarı / Hoş yaratmış …

Hier der Text, frei übersetzt:

Adalardan Bir Yar Gelir Bizlere (Die Geliebte kommt von der Insel zu mir)
Von den Inseln kommt eine Schönheit zu uns / Von den Inseln kommt eine Schönheit zu uns / Oh mein Gott, schau dir diese Augen an! / Egal was sie trägt, es sitzt ihr wie angegossen / Die verwüsteten, verlassenen Inselwege / Ich fühle sie immer noch in meinen Armen / Ihr Shalwar ist mit Veilchen geschmückt / Und sie kokettiert wirklich sehr / Schön und zierlich hat sie Gott erschaffen / sei sie bloß vor Schürzenjägern geschützt…

Adalardan bir yâr gelir bizlere (Die Geliebte kommt von der Insel zu mir) ist ein Liebeslied eines Mannes, der die blendende Schönheit seiner veilchengeschmückten, koketten Geliebten beschreibt. Das Lied stammt aus der Ägäis und wurde komponiert von Yesârî Asım Arsoy (1900–1992), einem berühmten Komponisten türkischer Klassik und begnadeten Baglama- und Oud-Spieler.

2. Çok yaşa sen Ayşe

Çok yaşa sen Ayşe, çok yaşa sen Ayşe / Köyün yıldızısın, biricik kızısın, dayının kuzususun / Bahtın açılsın, talih saçılsın / Gönlün şen olsun, kendini üzme sakın (Hey) / Vur patlasın, çal oynasın, vur patlasın çal oynasın / Bu hayat böyle geçer hey bu hayat böyle geçer

Hier der Text, frei übersetzt:

Lang lebe, Ayse, lang lebe, Ayse / du bist der Stern unseres Dorfes / das liebliche Mädchen, unser aller Liebling / habe ein glückliches Schicksal, ein glänzendes Leben /  sei immer frohen Mutes und mach dich nicht traurig / Tanze, singe, feiere / dieses Leben vergeht so schnell.

Dieses Liedchen hat der Istanbuler Musiker Muhlis Sabahâttin Ezgi (1890–1942) geschrieben. Er hatte vor allem in den 1930er Jahren großen Erfolg mit Operettenkompositionen und später mit Filmmusik für den türkischen Filmmacher Muhsin Ertuğrul. Der Gute hatte wohl eine recht romantische Ader, denn er besingt in seinem Lied die Dorfschönheit Ayse, die nicht nur eine reine Augenweide ist, sondern auch noch überaus beliebt. Einem so großartigen Mädchen wünscht natürlich das ganze Dorf Glück und Leichtigkeit fürs Leben, und zwar mit Gesang:

Aus den omanischen Palästen nach Berlin-Kreuzberg

Die türkische Klassik hat ihren Ursprung an den märchenhaften osmanischen Palästen des 14. Jahrhunderts und hat sich bis heute immer weiterentwickelt. Der größte Unterschied zur westeuropäischen Musik ist die – und nun wird es musikwissenschaftlich – die diffizilere Unterteilung der Tonschritte. In der sogenannten temperierten europäischen Musik gibt es Halb- und Ganztonschritte, die türkische Musik hat dagegen bis zu neun Teiltöne im Ganztonschritt. Daraus ergeben sich unzählige Intervalle, die in verschiedenen Tonleitern zusammengesetzt werden. Diese Tonleitern oder Melodietypen heißen Makame. Ende des 17. Jahrhunderts gab es ungefähr unglaubliche neunhundert solcher Makame; heute werden davon noch um die 80 gespielt. Makame werden oft nach der Region ihrer Herkunft benannt, so auch die Hicaz (Hedschas) – benannt nach der wunderschönen Landschaft am Roten Meer im heutigen Saudi-Arabien. In dieser Tonleiter sind die zwei Lieder des BTMK-Chors geschrieben. Das System dieser Makame fordert die gesangliche und instrumentale Einstimmigkeit eines türkischen klassischen Chors und Orchesters.

Fusion von orientalischen und europäischen Instrumenten

Der Chor des Konservatoriums wird von klassischen türkischen und europäischen Instrumenten begleitet: der Kurzhalslaute Oud, einer Geige und einer Klarinette (die europäischen Instrumente spielen seit etwa 150 oder 200 Jahren in der türkischen Klassik eine Rolle), der Schilfrohrflöte Nay und außerdem von verschiedenen Perkussionsinstrumenten und der Kanun. Die Kanun ist eine Kastenzither, die in ihrer besonderen Dreiecksform des Istanbuler Komponisten Hacı Arif Bey im 19. Jahrhundert erfunden wurde. Alle Instrumentalisten wurden am Berliner Konservatorium ausgebildet, wo sie sogar lernen können, diese Instrumente selbst zu bauen.

Ein Kämpfer für die türkische Kultur

Nuri Karademirli starb nur wenige Wochen nach unserem ersten gemeinsamen Auftritt in der Komischen Oper Berlin 2013 ganz plötzlich am 7. August auf dem Weg vom Unterricht nach Hause. Wir haben großen Respekt vor ihm und vor dem, was er mit seiner unermüdlichen Arbeit und seiner großen Begeisterung erreicht hat.


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