Njamy Sitson

Kamerunische Bamiléké-Musik

Njamy liebt musikalische Experimente. Wir lernten ihn in Augsburg kennen, wo er im Deutschen Theater mit seinem Sohn Elias bei den Heimatliedern auftrat. Seitdem ist er Teil der Heimatlieder-Familie. Er war es auch, den die Vielfalt an Instrumenten unserer Künstler so sehr begeisterte, dass er bald die erste Fusion herstellte. 20 Minuten vor dem Auftritt im Kölner Schauspiel 2014 entstand zusammen mit La Caravane du Maghreb und Rafael, Ricardo y Pedro ein großartiges neues Stück, eine neue Welt.

Njamy: Seine Welt ist die Musik

Njamy Sitson ist Künstler durch und durch, und dazu ein echter Augsburger. Ein Augschburger, um genau zu sein! Seit der Jahrtausendwende ist der Multiinstrumentalist, Schauspieler, Geschichtenerzähler, Komponist und Musiktherapeut aus Kamerun in der schwäbischen Metropole zu Hause. Hier hat er sein Philosophie-Studium fortgesetzt und Deutsch und Musikwissenschaften studiert. Lehraufträge führten ihn später an Universitäten in Zürich und München. Er unterrichtet Gesang und Perkussion, Harmonielehre und Rythmus. Außerdem gibt er Workshops in ganz Europa, und in verschiedenen Formationen ist er immer wieder live zu sehen. Njamy ist bekannt aus Film, Funk und Fernsehen, denn er hat schon als Schauspieler in einigen Filmen mitgespielt, tritt auf Festivals auf und hat Filmmusiken fürs deutsche Fernsehen komponiert.


Um was geht es in dem Lied?

Ngaeh Nkouni

Ussuöa nda mö / Ngä nkouni ussuöa nda / Ohoho ngä nkounii / Ohoho Ngä ntä ntä hä / Ngä ntä ntä ussuöa ndschü / Ussuöa ndjü mo Ngä ntä ntä ussuöa ndschü.

(Sprache: Medumba, West Kamerun)

Du Person mit Würde (frei übersetzt)

Du Person mit Würde / Dein Platz ist hier zu Hause / Dein Platz ist wirklich hier /Hier gehörst du hin / Oh würdiger Mensch! / Oh aggressiver, ungeschickter Mensch / Die Person mit negativer Energie darf nicht eintreten / Dein Platz ist draußen

Musik aus dem Grasland Kameruns

Kamerunische Bamiléké-Musik kommt aus dem Grasland Kameruns, wo insgesamt elf Bamiléké-Sprachen gesprochen werden. Njamy singt in Medumba, einer Tonsprache, die aus dem Ägyptischen stammt und bei der Akzente auf den Buchstaben die Tonhöhe angeben, in der eine Silbe zu sprechen ist. Dabei gibt es insgesamt 5 Töne, drei punktuelle und zwei melodische. Laut Wikipedia wurde der Begriff „Bamileke“ übrigens zum ersten Mal 1884 von der deutschen Besatzung verwendet. Das Lied Ngaeh Nkouni hat uns schon beim ersten Hören begeistert – am schönsten ist es, wenn Njamy und Elias es zusammen singen so wie auf unserer CD Heimatlieder aus Deutschland Vol. 2  Berlin/Augsburg.

Die Bamiléke

90 Königreiche im Westkameruner Grasland

Die Bamiléke nennen sich nicht selbst Bamiléke, denn die 90 Stämme im Grasland Kameruns heißen immer so wie ihr jeweiliger König, der fon. Das Wort Bamiléke kam erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch die französische Kolonialverwaltung auf, ist aber wie der Begriff „Grasland“, den sich die deutschen Kolonialherren ausgedacht haben, längst eingebürgert. Die rund 1,5 Millionen Bamiléke machen ein Zehntel der heutigen Bevölkerung Kameruns aus. Sie& leben sehr traditionell: Die Männer arbeiten auf dem Feld, wo sie hauptsächlich Erdnüsse, Mais und Taro (Wasserbrotwurzel) anbauen, die Frauen sind zu Hause in ihrem quadratischen, schlichten Heim. Nur der Fon hat ein Haus mit Säulen und geschnitzter Tür. Vermutlich kamen die Bamiléke im 18. Jahrhundert auf der Flucht vor den Bamum aus nördlichen Richtungen.

Kamerun erlebte im Laufe der Zeit die Spaltung des Landes in einen englischen und einen französischen Teil. Nach den Unruhen Ende der 50er Jahre wurde das Land 1960 unabhängig, das Bamiléke-Gebiet aufgeteilt in fünf Departements (Menoua, Bambouto, Mifi, Ndé und Haut-Nkam). Die vielfältigen Wurzeln der unterschiedlichen Völker und die bewegte politische Geschichte haben dazu geführt, dass die vielen Sprachen erhalten blieben. Jede Chefferie, jedes Dorf mit eigenem König, pflegt immer noch seine eigene Sprache. Die Amtssprachen sind Französisch und Englisch.

Eröffnungskonzert für die 9. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer 27. August 2017, Oldenburgisches Staatstheater Kamerunische Volksmusik, bearbeitet von Njamy Sitson

Wer ein Wörterbuch braucht, muss einen Einheimischen fragen

Die Bamiléke-Sprachen werden den Bantu-Sprachen zugeordnet. 1929 hatte zwar die französische Regierung einmal versucht, Bamum als Sprache für alle durchzusetzen, ist damit aber glorreich gescheitert. Es blieb bei den vielen Sprachen, die weiter nebeneinander her existierten – allesamt schriftlos. Es gab auch später mehrfach Versuche einer Verschriftlichung aller Sprachen, aber ebenso ohne großen Erfolg. Letztendlich bekam nur eine Handvoll Sprachen eine Schrift, und dazu gehört auch Medumba, die Sprache, in der Njamy singt. Sie hat ägyptische Wurzeln und 33 Buchstaben (23 Konsonanten und 10 Vokale) plus 5 Töne, die die Tonhöhe der zu sprechenden Silben angibt, ähnlich wie im Hochchinesischen.

Göttlicher Überbau? Fehlanzeige!

Ebenso vergeblich wie nach einem Universalwörterbuch sucht man nach einem Bamiléke-Begriff für Religion. Hier geht es nicht um ein System von Lehren, sie haben beispielsweise keine Kirche und ihre Götter keinen Himmel. Der einzelne Mensch wird immer in Beziehung gesetzt zu den Mitmenschen, den Tieren und Pflanzen, der Erde, den Dingen. Es gibt zwar auch einen Gott Si und andere Götter, aber ähnlich dem fon stehen sie eher symbolhaft für die Religion, das Durchdrungensein des Alltags durch göttliche Kräfte. Jeder Bamiléke hat so etwas wie einen eigenen Gott (mbo), der in seiner Stirn wohnt. Hat jemand einen schlechten Charakter, sagt man so etwas wie „du hast eine schlechte Stirn“. Wenn die Stirn, der dort wohnende Mbo zu eigenartig wird, kann man ihn mit Ritualen auch loswerden und sich so von schlechten Gewohnheiten trennen.

Ein Göttersystem wie die großen Weltreligionen es kennen, haben die Bamiléke nicht, sondern es handelt sich mehr um eine Religion der Gemeinschaft. Jeder hat seinen Platz in dieser Gemeinschaft, und dieser Platz ist immer irgendwo zwischen den anderen und den göttlichen und Geisterwesen. Auch die Ahnen spielen eine große Rolle und werden leidenschaftlich verehrt. Opfer werden aus speziellen Anlässen wie Geburt oder Tod gebracht, aber nicht nach einem liturgischen Kalender.

Tot ist nur der, an den sich keiner mehr erinnert

Gelebt wird in so genannten Chefferien. Das sind Königtümer, Dörfer, Gesellschaften oder Stämme. Es gibt einen Herrscher (fon), der die Macht darstellt, aber keine Macht ist. Er steht für Wirtschaft, Verwaltung, Politik und religiöse Kraft – und das alles symbolhaft. Wenn ihr einmal einem fon begegnet: Immer mit der Hand vor dem Mund ansprechen und sich in gebückter Haltung nähern, auf keinen Fall rauchen und sich auch nicht setzen. Dem fon

Die Musikinstrumente


Heilige Trommeln und klingende Kanister

Afrikanische Musikinstrumente

Viele afrikanische Instrumente sind aufs Allerschönste mit Farben, Schnitzereien und Einlegearbeiten dekoriert. Daher stehen sie auch bei Dieben hoch im Kurs und müssen gut bewacht werden! Genauso viele Instrumente sehen dagegen sehr schlicht und zurückhaltend aus, sie haben aber laut der auf Afrika spezialisierten Musikwissenschaftlerin Monique Brandily „die größte Wirkung und den größten Symbolwert“. Unschwer zu erkennen bei Njamy Sitson. Wir beobachten immer wieder, dass Leute in den hinteren Reihen die Augen zusammenkneifen oder den Operngucker rausholen, um zu sehen, was Njamy da eigentlich in der Hand hat. Hier werden wir euch ein bisschen über seine Instrumente erzählen. Mehr zur Musik Afrikas weiter unten.

In Afrika ist im alltäglichen Leben vieles extrem symbolträchtig und energetisch aufgeladen. Es gibt zum Beispiel Trommeln, die so heilig sind, dass sie niemals, niemals, niemals (!) den Boden berühren dürfen. Sie werden in einer Art Hängematte getragen – begleitet von Schilfschilden, weil auch niemand außer dem Trommelspieler sie sehen darf. Manche Instrumente sind besonders wertvoll, weil sie zum Beispiel aus einem ganz besonderen Holz gemacht wurden: Holz, das von ganz woanders in einem Ritual von einem Erdherren oder einer anderen wichtigen Person herangeholt wurde. Da weiß mitunter nicht einmal der Häuptling, woher das Holz kommt, weil Geheimhaltung unbedingt dazu gehört. Viele Instrumente werden sehr nachhaltig und umweltfreundlich produziert, etwa aus alten Kanistern, Holzkisten oder Dosen. Bei einer guten Spieltechnik hört angeblich kaum einer den Unterschied.

Gebaut werden die Instrumente meistens vom Musiker selbst. Und auch hier wundert es uns nicht, dass manche Instrumentenbauweise so geheim ist, dass nur der Vater sie an den Sohn weitergibt, und vermutlich muss der auf alles, was ihm lieb und heilig ist, schwören, dass er dieses Wissen auf gar keinen Fall irgendwo ausplaudert (außer an seinen eigenen Sohn, natürlich). Und schließlich gibt es Instrumente, die zerstört werden, wenn ein Herrscher eines Klans stirbt. Sie werden ihm in Bruchstücken aufs Grab gelegt.

Multiinstrumentalist Njamy hat immer eine Reihe von Instrumenten dabei, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gattungen:

Ein Cordophon: Die Bogenharfe

Die Bogenharfe gibt es in ganz klein und ganz groß (über einen Meter), und sie gehört in die Gattung der Cordophone (Saiteninstrumente). Sie ist eine Weiterentwicklung des einfachsten Saiteninstruments überhaupt, des Musikbogens. Der besteht aus einer einzigen Saite an einem biegsamen Ast. Njamys Bogenharfe hat vier Saiten, die vom Schallkörper in einem rechten Winkel von der Decke über den Hals des Instruments gespannt sind. Musikbogen und Bogenharfe werden ausschließlich gezupft. Je nach Instrumentengröße trifft man auf Bogenharfen mit bis zu 12 Saiten. Stimmwirbel wie bei einer Gitarre oder Geige gibt es nicht – die Saiten werden mit Schlingen gespannt oder gedrillt. Im Gegensatz zu europäischen Harfen gehören die afrikanischen Bogenharfen zum so genannten offenen Bautyp, denn sie sind ohne Säule konstruiert. Ihre Resonatoren, also die Resonanzkörper, erinnern an einfache Fideln. Bogenharfen sind gebogen, Winkelharfen erinnern von der äußeren Form her eher an ein Geodreieck. Die Bogenharfe von Njamy ist wirklich klein, erzeugt aber so schöne und besondere Klänge, dass allein dieses Instrument auf der Bühne oft für atemlose Stille sorgt. Hört mal rein, weiter oben: Das Lied „Ngaeh Nkouni“ wird von der Bogenharfe begleitet.

Ein Idiophon: Die Sanza (Sansa)

Bei den Idiophonen macht das Material den Ton. Saiten und Membrane sind hier meistens nicht nötig. Klassische Vertreter: Rasseln, Schellen oder Klanghölzer. Njamy spielt eine Sanza wie es sie eigentlich nur in Afrika gibt, vor allem in Zentral- und Ostafrika – und sonst nirgends. Man nennt dieses ungewöhnliche Instrument auch „Daumenklavier“, weil es eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Klavier hat. Der Spieler hält das Instrument vor sich und zupft die Zungen mit beiden Daumen, was von fern ein bisschen aussieht wie SMS-schreiben. Die Zungen sind an einem Resonanzkasten angebracht (oder an einem Brett). In manchen Gegenden wie in Simbabwe, sind diese Resonanzböden sehr aufwändig dekoriert mit Masken und anderen Symbolen. In Kamerun sieht man oft Schnitzereien am Resonanzboden. Die Zungen, mitunter auch Späne genannt, werden an einem Ende von einer quergelegten Leiste festgehalten, während das andere Ende nach oben gebogen ist, also frei schwebt und so gezupft werden kann. Sein Klang ist sehr dezent, aber unglaublich präsent. Wir lieben die Sanza! Die Zungen sind interessanterweise nicht in der Reihenfolge der Tonleiter gestimmt, sondern angepasst an die jeweilige Spieltechnik. Sie tragen auch oft kleine Metallringe, die mitklirren.

Ein Membranophon: Die Trommel

Njamy hat auch immer eine ebenso kleine Trommel dabei, die aber – wie unsere Konzert-Besucher wissen – sehr, sehr laut und präsent ist. Bei den afrikanischen Trommeln gibt es eine unendliche Vielfalt an Formen und Materialien. Viele Trommeln sind aus Ton oder Holz. Ihre Felle, also das, worauf mit der Hand oder den Fingern geschlagen wird, sind aufgeklebt oder genagelt. Die Schnürung ist meistens eine so genannte Y-Verschnürung wie bei europäischen Militärtrommeln oder eine N-Verschnürung, die an ein Netz erinnert. Hier noch ein bisschen Musikwissenschaft: Membranophone sind „Fellklinger“. Der Ton wird erzeugt, indem eine gespannte Membran (Tierhaut, Pergament, Folie oder Ähnliches) durch Anschlagen zum Schwingen gebracht wird. Trommelmodelle gibt es gefühlt so viele wie Sterne in der Milchstraße – von der Sanduhrtrommel über die Standfußtrommel bis zur Riesentrommel, auf der ein Spieler rittlings draufsitzt, oder bis zur deutlich kleineren Röhrentrommel, wie Njamy sie einsetzt.

Njami Sitson mit Ricardo Moreno, Rafael Martinez, Pedro Abreu, Youssef Belbachir und David Beck; Schauspiel Köln im Depot I, Tag der deutschen Einheit 2014

Afrikanische Musik

So groß der Kontinent, so vielfältig die Klänge

Erst einmal ein bisschen Erdkunde, für den Hintergrund: Der Kontinent Afrika ist flächenmäßig dreimal so groß wie Europa. Es gibt die unterschiedlichsten Klimazonen, beispielsweise äquatorial oder tropisch, es gibt gemäßigte Zonen, Savannen, Steppen, Wüsten, Länder mit Meer und welche mit Bergen. Das ist wichtig zu wissen, weil die geografischen Gegebenheiten sehr viel mit der Musik zu tun haben. Denn die Landschaft prägt die Gesellschaft und so das Familien- und Berufsleben – und damit auch die Kultur. Ein Schafhirte, der den ganzen Tag mit seiner Herde durch die Steppe zieht, würde vermutlich kaum eine riesige Trommel mit sich herumschleppen, sondern eher eine kleine, handliche Flöte.

Die Musikwissenschaft unterscheidet bei afrikanischer Musik vor allem in  . Mehr über Musik aus Nordafrika (vor allem den Maghreb) findet ihr aber auch auf unserer Website, bei der CARAVANE DU MAGHREB.

Musik spiegelt das gesellschaftliche Leben wider

Die Musik Afrikas wird aber nicht allein durch die Landschaft beeinflusst, sondern auch von Weltbildern. So können zum Beispiel Rollenbilder (Mann, Frau) zum Ausdruck kommen, oder ästhetische Vorstellungen, Machtverhältnisse (die da oben, wir hier unten) und natürlich: Religion! Ein weites Feld! In allen Teilen Afrikas gibt es sehr viele verschiedene Religionen, oft sind es animistische, in denen die Kommunikation mit einer vielfältigen Geisterwelt fest verankert ist. Bei den Bamiléke zum Beispiel ist alles Lebendige irgendwie „beseelt“, und der Glaube daran findet sich in ihren Liedern wieder. Manche Musiken sind nur dazu da, um Kontakt mit der Geisterwelt aufzunehmen. Mit ihr kann man – wie in der GNAWA-MUSIK AUS DEM MAGHREB Besessene heilen. Man kann sich aber auch Unterstützung holen für die Jagd, fürs Fischen und den Ackerbau.

& wird aber nicht allein durch die Landschaft beeinflusst, sondern auch von Weltbildern. So können zum Beispiel Rollenbilder (Mann, Frau) zum Ausdruck kommen, oder ästhetische Vorstellungen, Machtverhältnisse (die da oben, wir hier unten) und natürlich: Religion! Ein weites Feld! In allen Teilen Afrikas gibt es sehr viele verschiedene Religionen, oft sind es animistische, in denen die Kommunikation mit einer vielfältigen Geisterwelt fest verankert ist. Bei den Bamiléke zum Beispiel ist alles Lebendige irgendwie „beseelt“, und der Glaube daran findet sich in ihren Liedern wieder. Manche Musiken sind nur dazu da, um Kontakt mit der Geisterwelt aufzunehmen. Mit ihr kann man – wie in der GNAWA-MUSIK AUS DEM MAGHREB Besessene heilen. Man kann sich aber auch Unterstützung holen für die Jagd, fürs Fischen und den Ackerbau.

Die Musik sichert also Existenz, und oft hat sie deshalb auch einen stark rituellen Charakter. Es gibt einen beachtlichen Anteil an weiblichen Musikern, was damit zusammenhängt, dass allein Frauen Leben schenken können und daher einen hohen Stellenwert in der Gesellschaft& haben, in der das Leben das Allerwichtigste ist. Manche Völker nennen sogar deshalb die Oktaven auf dem Xylophon „Großmutter, Mutter und Kind“. Kindertöne sind dabei die hohen Töne, da sie die Jugend symbolisieren, die tiefen Töne deuten den Tod an. Deshalb klingt auch Musik bei Beerdigungen tiefer als bei Taufen. In Europa stehen tiefe Töne für das Männliche (Stimmbruch), hohe Stimmen sind weiblich. In einigen afrikanischen Gegenden ist es genau umgekehrt. Die besonders stark und kraftvoll gespannten Saiten oder Trommelfelle eines Instruments sind männlich assoziiert, obwohl sie hoch klingen. Weniger stark gespannte und daher tief klingende Saiten stehen für das Weibliche. Ein schönes Beispiel dafür, wie Kultur den Geschmack und die Gewohnheiten prägt.

Hast du Töne? Ja, mehr oder weniger!

Vielseitig sind nicht nur die Anlässe für Musik, sondern auch die jeweiligen musikalischen Vorlieben. In der Sahara und der Sahelzone hat man es gern etwas schlicht und reduziert. Hier sind vor allem Melodien zu finden, die nur wenige Töne umfassen. Mehrere Töne gleichzeitig, das würde hier einen Regelverstoß bedeuten und Verwirrung stiften. Südlich der Sahara dagegen haben sich die Menschen ständig etwas Neues ausgedacht, um ihre Musik mit Verfremdungen und neuen Klängen noch vielfältiger zu machen. Das wirkt sich natürlich auch auf den Instrumentenbau aus. Es kommen bei den einfacheren Musiken zum Beispiel Idiophone zum Einsatz, bei denen nur das Material klingt, und deshalb nur einen einzigen Ton kann, wie etwa Schlaghölzer. Wo man gern viel mehr Töne hört, sind die Instrumente auch komplexer, zum Beispiel mit Saiten und Klangkörpern wie Njamys Bogenharfe.

Heitere Arbeitsatmosphäre auf dem Acker

Musik kann auch Routinearbeiten wie körperlich anstrengende Feldarbeit erleichtern und auch Bewegungsabläufe koordinieren, wenn etwa alle an einem Seil ziehen oder gleichzeitig die Spitzhacke in den Boden schlagen. Sie schafft zudem bessere Laune, ja geradezu „eine heitere Arbeitsatmosphäre“, wie so mancher behauptet. Musizieren darf dabei aber nicht unbedingt jeder. In manchen Kulturen dürfen nur Profis Musik machen, in anderen sitzen alle zusammen und singen, egal ob sie es können oder nicht. Übrigens kennen wir das auch aus der serbisch-orthodoxen Kirche, in der die ETHNOGRUPPE GORA singt. Hier versucht sich nicht die Gemeinde tief murmelnd und schräg, sondern es singt und strahlt der Chor, der fleißig übt und auf entsprechendem Niveau den Gottesdienst musikalisch unterstützt. Doch zurück nach Afrika:

Vormachen, nachmachen: so wird Musik weitergegeben

Viele Musiken sind nicht schriftlich überliefert, sondern werden nur mündlich weitergegeben. Durch Vormachen, Mitmachen, Nachmachen. Es gibt in Afrika viele schriftlose Völker. Sie geben all ihre Erfahrungen und ihr Wissen von Mensch zu Mensch weiter. Intensive Kommunikation auf vielen Ebenen ist hier ein wichtiger Aspekt im Zusammenhalt der Gesellschaft. Wenn jemand stirbt, verschwände sonst ein ganzes Lexikon! Jedoch besteht trotzdem die Gefahr, dass Musik verloren geht. Auch Tänze. Denn wenn das alleinige Mittel zur Dokumentation und Archivierung die mündliche Weitergabe ist, kann schon einmal etwas untergehen. Inzwischen gibt es allerdings immer mehr Musik, die von Wissenschaftlern archiviert wird. Sie notieren unermüdlich Tonleitern und Liedformen und forschen unter anderem zur Musikaufführung und zum gesellschaftlichen Status der Musiker. In den afrikanischen Kulturgruppen allerdings war es bis dahin immer so: man lernte die Musik durch Nachahmung.

Über die Struktur der Musik wird dabei nicht gesprochen, sie bleibt aber stets sichtbar und wird so natürlich praktiziert und gelernt. Und gerade in den schriftlosen Kulturen ist sie ein wichtiges Ausdrucksmittel. Weil Musik die Sinne anspricht, geben vor allem die Alten und Weisen in den Dörfern gern mal Tipps, erwarten vom Nachwuchs aber, dass er einen eigenen Stil entwickelt. Allzu doll dürfen die jungen Musiker es aber nicht treiben, denn bekannte Lieder müssen immer wiedererkennbar sein. Frischer Wind ja, aber nur bis Windstärke zwei. Die Gefahr in der Veränderung der Musik besteht laut Kritikern darin, dass sie in heutigen Zeiten zu sehr kommerzialisiert wird. Gerät sie auf eine Bühne, muss sie Zeiten einhalten oder ihren Stil anpassen – und so sehen Wahrer der Traditionen eine große Gefährdung in der Aufführung von der ursprünglichen Musik in neuen Kontexten. Veränderungen gab es selbstverständlich immer, schon allein durch neue Einflüsse durch Kolonialisierung und durch mitgebrachte (zum Beispiel christliche) Lieder und Instrumente.

Musik und Sprache

In Afrika gibt es sehr viele „sprechende“ Instrumente, so wie es auch viele Tonsprachen gibt, bei denen die Tonhöhe die Bedeutung bestimmt. Das führt zu einer starken Beeinflussung von Gesang und instrumentalen Formen der Musik. Ein ganz klassisches Beispiel sind Trommeln zum Übermitteln von Nachrichten. Instrumente können, wie die Trommeln beweisen, auch Sprache ersetzen, zum Beispiel wenn man sich an Wesen wendet, die von Natur aus nicht mit menschlicher Sprache angesprochen werden, und wenn man wilde Tiere besänftigen oder Rinderherden lenken will. Man erzählt sich, dass gute Rinderhirten mit Pfeifen Hunderte von Tieren in Galopp versetzen können. Im Tschad wird die Bogenharfe, so wie Njamy sie spielt (siehe „Die Musikinstrumente“), übrigens auch als Abmahnungsinstrument eingesetzt. Bevor jemand wegen eines Fehltritts ernsthaft und mit starken Worten gerügt wird, erklingt dieses schöne Instrument.

Der Status der Musiker

Ganz unterschiedlich kann der gesellschaftliche Status von Musikern sein. Sind es Laien oder Profis? In manchen Kulturen ist Musizieren erlaubt, in manchen nicht, in manchen ist Musik unentbehrlich – zum Beispiel bei Ritualen oder anderen Anlässen. Profimusiker sind oft Wandermusiker und leben ausschließlich von ihrer Kunst. Sie tingeln von Dorf zu Dorf und unterhalten die Menschen. Es gibt aber auch in komplexeren Systemen echte Musikerkasten. Dort haben Musiker bestimmte Vorrechte durch ihren Sonderstatus, wie in den Oasen von Fessan oder Traghen. Manchmal ist es auch ein ganz kleiner Zirkel von Eingeweihten, der in den Genuss einer bestimmten Musik kommt, so zum Beispiel wenn Neulinge in den Stand der Musiker erhoben werden. Da wird dann schon einmal heimlich weit ab von den anderen das geheime Instrument herausgeholt und gespielt! Wenn man nicht durch andere Musiker berufen wird, geschieht dieses mitunter auch im Traum – und auch das muss sehr ernst genommen werden. Dass so etwas passiert, daran zweifelt keiner. Männer und Frauen haben unterschiedlichen Zugang zur Musik. Es gibt Völker, in denen Instrumente an bestimmten Tagen von Männern gespielt werden, an anderen von Frauen. Oder sie werden nur von Männern gespielt und danach brav zu den Frauen gebracht, sie sie sicher hüten.


Quellen:

Kora Kosi – Die Musik Afrikas, Monique Brandily, Heidelberg 2001 (Introduction aux musiques africaines, Monique Brandly, Actes Sud 1997)

Bamileke. Die Menschen aus den Schluchten – Eine Studie über die traditionellen Gesellschaftsstrukturen der Bamileke-Völker in Kamerun, Klaus Hirsch, Berlin 1987 (Klaus Hirsch war mal Gemeindepfarrer in Württemberg, 3 Jahre Entwicklungshelfer in Kamerun und dann an der evangelischen Akademie in Bad Boll)

Polyphonies du Nord-Cameroun, Nathalie Fernando, Paris, 2011

La Musique et la Trance, Esquisse d’une théorie générale de la musique et la possession, Gilbert Rouget, Paris 1990

Batcham : Sculptures du Cameroun ; nouvelles perspectives anthropologiques ; Ouvrage réalise à l’occasion de l’exposition Batcham. Sculptures du Cameroun ; Marseille, Musée d’Arts Afraicains, Océaniens, Amérindiens, Centre de la Vieille Charité ; 13 novembre 1993 – 31 janvier 1994 par Jean-Paul Notué

Musikinstrumente der Welt, Bertelsmann, 1976

Lexikon der Weltbevölkerung, Berlin 2000


· Liste aller Chöre & Bands
· Liste aller Konzerte
· Liste aller News
· Zum Shop
· Kontakt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.