Quan họ Chor

Vietnamesischer Quan-họ-Gesang

Vor allem um große Gefühle und gut gemeinte Ratschläge geht es im vietnamesischen Quan-họ-Gesang. Dieser oft von einem Augenzwinkern begleitete Wechselgesang zwischen Männern und Frauen entstand in den Dörfern der nordvietnamesischen Provinzen Bắc Ninh und Bắc Giang und war eng verknüpft mit dem wichtigsten Feiertag in Vietnam, dem Frühlingsfest (Tết Nguyên Đán). Hier wird nicht nur gesungen, sondern auch interpretiert – und das alles in farbenfrohen Trachten mit Schirm, Charme und Rabenschnabelkopftuch.  

Der Chor

Vietnam liegt in Berlin-Lichtenberg

Der Quan họ Chor ist von Anfang an dabei. Nach langen Streifzügen durch die vietnamesische Community entdeckte Jochen Kühling diese außergewöhnliche Gruppe in Berlin-Lichtenberg, gegenüber vom Dong Xuan Center – Berlins „Chinatown“. Ein sehr schönes Beispiel für die abenteuerliche Reise durch Berlins Stadtteile für das Heimatlieder-Projekt. Die Verabredung zum Vorsingen stand. Und dann betrat Jochen eine andere Welt. Die Tür fiel hinter ihm zu, und vor ihm stand der Quan họ Chor in voller Montur, mit traditioneller Tracht. Es wurde ein Singspiel aufgeführt, Männer mit Regenschirmen und Frauen mit riesigen flachen Strohhüten spazierten munter auf der Bühne hin und her und sangen Lieder, wie wir sie hier zu Lande kaum kennen.

Die Kunst bei dem Casting der Chöre und Bands war ja auch, ein hohes Niveau zu halten. Rückfragen bei vietnamesischen Musikkennern  nahmen aber schnell jeden Zweifel: Unser Quan họ Gesang ist eins a und passt perfekt ins Heimatlieder-Konzept. Kurz und gut, der Quan họ Chor machte Eindruck und war sofort dabei. Er wechselte im Laufe der Zeit mehrfach seine Besetzung und gehört in seiner aktuellen Formation längst zum festen Kern des Heimatlieder-Ensembles, auf den wir niemals verzichten wollen – und das nicht nur wegen der leckeren Klebreisbällchen, für die Hằng wirklich einen Orden verdient hätte.

Chorleiter Đào Xuân Phương, ein weltoffener, leidenschaftlicher Multiinstrumentalist, und der Musiker und Schauspieler Minh Thắng Nguyễn sind wie Njamy Sitson oder Sandra Stupar ständig auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. So entstand beim ersten Auftritt der Heimatlieder-Allstars wie selbstverständlich eine Gemeinschaftsproduktion des wunderschönen vietnamesischen Volksliedes Giấc Mơ Trưa („Mittagstraum“), das wir inzwischen alle gern singen, oder zumindest mitsummen. 


Die Musik

Große Gefühle mit viel Romantik und einem Augenzwinkern

Ba quan mời trầu ist eine kleine Dreigroschenoper, ein Volkslied, das in Vietnam jeder kennt. Es erzählt von jungen Männern, die auf einem Fest nach einer Braut suchen wollen. Der erste Teil des Liedes heißt „Ba quan mời trầu“ („Drei Groschen“), das ist der Eintrittspreis für die Feier. Arm und Reich sind zu dem Fest geladen, entsprechend erfolgt die Anreise per Korbflechtboot (Bauernboot), Drachenboot (Boot der Reichen) oder Familienboot. Auf der Feier laden die heiratswütigen Halbstarken die holden Grazien ein, mit ihnen gemeinsam zu singen. Im zweiten Teil besingen unsere jungen Helden die Mädchen, teilen ihnen unverblümt ihre Wünsche und Gefühle mit und machen ihnen in aller Form den Hof. Aus traditionellen Gründen darf eine Heirat zwischen Sängerin und Sänger aber niemals stattfinden. Ein Grund dafür, dass dieses wie auch vergleichbare Lieder sehr stark emotional aufgeladen ist. 

Traditionell beginnen die Frauen damit, ein Lied anzustimmen, und die Männer antworten mit derselben Melodie aber einem anderen Text. Meist sind es schwer romantische Texte über Liebe und Freundschaft, Sehnsucht und Trennung, also die ganze Bandbreite des Lebens rauf und runter. Dabei können es mehr oder weniger Sänger und Sängerinnen sein, die auf der Bühne eine Choreografie verfolgen. Bei den Frauen fällt oft das schwarze, sogenannte Rabenschnabelkopftuch auf, die Männer tragen einen Regenschirm aus schwarzer Seide. Kopftuch und Schirm gelten als Symbol für männliche und weibliche Prinzipien. Eins steht aber fest: Die Texte sind immer auch sehr humorvoll, und es heißt, je schlüpfriger die Texte, desto mehr freut sich das vietnamesische Publikum. Was man sofort glaubt, wenn man unseren Quan họ Chor gut gelaunt und kichernd auf der Bühne sieht.

Die Quan họ Gruppen eines Dorfes sind traditionellerweise mit einer Gruppe anderen Geschlechts aus einem benachbarten Dorf befreundet, und dadurch  können sie miteinander singen. Diese untereinander befreundeten Gruppen sehen sich als Schwestern und Brüder und dürfen dementsprechend nicht untereinander heiraten. Mehr als 400 Quan họ Texte und über 200 Quan họ Melodien sind bekannt. Gesungen wird an Festtagen, bei Wettbewerben und bei privaten Feiern. Seit 2009 ist der Quan họ Gesang von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe gelistet.


Die Instrumente

Das Monochord (Đàn bầu)

Nicht nur Gesang und Performance des Quan họ Chors sind für die westliche Welt zunächst vielleicht etwas ungewöhnlich, sondern auch die Instrumente. Zum Beispiel gibt es das Monochord, von dem eingefleischte Jimi-Hendrix-Fans behaupten, der Großmeister habe auf seiner Gitarre ähnliche Töne erzeugen können. Das Monochord ist eine sehr besondere vietnamesische einsaitige Zither, der man in ihrem Heimatland nachsagt, dass sie menschliche Stimmen überaus echt imitieren könne. Deshalb, so der Ratschlag, sollen junge Mädchen der Đàn bầu besser nicht zuhören, um sich allzu großes Liebesleid zu ersparen. Das Monochord hat nur diese eine Saite. Sie wird mit einem Plektrum gezupft. Dieses unglaubliche Instrument kann drei Oktaven spielen und darf im Quan họ auf keinen Fall fehlen. Bei uns wird sie von Huê gespielt, der jahrzehntelange Erfahrung hat und sie deshalb überhaupt erst spielen darf. Das darf nämlich nicht jeder! Auch wenn es einfach aussieht: das Spielen der Monochord erfordert allergrößte Präzision.

Das Instrument ist im Prinzip ein Holzkasten ohne Boden, wobei die Seitenplanken nach oben hin gekrümmt sind. Der Kasten ist zwischen 80 und 100 cm breit, zwischen 9 und 12 cm hoch und 11 bis 15 cm tief. Das verwendete Holz ist ngô dông-Holz (Eleococca) für den Resonanzboden und Trak-Holz für die Seitenplanken. Die einzige Saite ist über den Hals und den Holzbolzen gespannt. Gespielt wird das Monochord also mit einem besonderen Plektron, das ist ein etwa 15 cm langes, angespritztes Bambusstöckchen, das man zwischen Daumen und den anderen Fingern der rechten Hand hält. Der Trick ist, dass es ganz genau bestimmte Stellen auf der Saite gibt, die sich aus der Länge des Instruments berechnen. Es gibt demnach die Gesamtlänge, dann den Punkt an der halben Saitenlänge, an einem Drittel der Saitenlänge und so weiter. Hier herrscht die Mathematik. Das Plektron stößt die Saite (die Fachliteratur spricht von „attackieren“), um die Obertöne zu gewinnen.

Durch Verändern der Saitenaufhängung am Hals mit der linken Hand wird die Saitenspannung verändert, und damit auch die Töne. Auf diese Art kann man mit dem Monochord jeden, und zwar wirklich jeden Ton spielen. In China, Kambodscha und Indien gibt es ähnliche Instrumente, aber das vietnamesische Monochord ist am vielseitigsten. Vermutlich gibt es das Instrument seit dem achten Thành Thái-Jahr (1896) in Vietnam, erfunden haben es aber wohl die Chinesen schon im 12. oder 14. Jahrhundert. Natürlich gibt es großartige Geschichten zu seiner Entstehung, wie zum Beispiel die der blinden Frau, die im Krieg mit Kind und Mutter ihren verlorenden Ehemann sucht, und sich im größten Hunger das eigene Fleisch vom Körper schneidet, um es den anderen zum Essen zu geben. Für diese Selbstlosigkeit schenkt ihr eine Fee dann ein Monochord, das durch seine Töne, die der menschlichen Stimme sehr ähneln können, der Frau hilft, ihren Gatten zu finden.

Das 36-Saiten-Instrument (Đàn tam thập lục oder „36“)

Das wunderschöne 36-Saiten-Instrument, die Đàn tam thập lục, gehört wie das Monochord in die Kategorie „Zithern und heißt in Vietnam meistens nur schlicht und ergreifend „36“. Es wird auch bei Sprechstücken im Theater eingesetzt. In unserem Quan họ Chor wird die „36“ meistens von Phương gespielt. Wann dieses Instrument ursprünglich nach Vietnam kam, weiß man nicht so genau, vermutlich aber schon sehr früh: im 13. oder 14. Jahrhundert – allerdings in einer nur ähnlichen Form, die sich dann weiter entwickelte. Erfunden hat sie wahrscheinlich ein Chinese, aber auch das ist nicht wirklich bewiesen. Die „36“ ist ein Instrument ohne Hals. Ihre Saiten sind über die gesamte Länge des Resonanzkörpers gespannt, und der ist, wie beim Monochord, meistens aus edlem Eleococca-Holz gemacht. Drei Löcher finden sich im Instrument: ein halbkreisförmiges, durch das die Saiten befestigt werden, ein rechteckiges Schallloch, und – praktisch! – ein kleines Loch zum Aufhängen.

Früher waren die Saiten noch aus Seide, aber so vornehm geht es heute meist nicht mehr zu. Auch pflegten die feinen Damen der Gesellschaft mit aufgesteckten Fingerplektren aus Silber die Saiten zu zupfen, aber längst wird mit einfacheren Plektren gespielt, oder auch mit den Fingernägeln. Dabei kommen bei beiden Händen nicht alle Finger gleich zum Einsatz. Die rechte Hand ist fürs Zupfen zuständig, und zwar nur Daumen, Zeige- und Mittelfinger. Die linke Hand, und hier ausschließlich die drei mittleren Finger, wird für die Tonvielfalt benutzt. Die Saiten werden mit den Fingern nach unten gedrückt, wodurch sich die Saitenspannung verändert und damit natürlich die Tonhöhe. Hier wird also die Melodie gemacht! Eine andere Technik ist das Schlagen mit Holzstäbchen, wie man es auch in Deutschland in hoch zu Berge gelegenen Almhütten bei Zitherspielern erleben kann.

Die Trommeln (Trống)

Es gibt in Vietnam eine großartige Vielfalt von Trommeln für jeden Zweck, wie zum Beispiel für Sonnen- oder Mondfinsternis, für Feierlichkeiten oder schamanistische Handlungen. Mehr dazu im empfehlenswerten Buch von Trân Van Khé (siehe unten). Bei uns seht ihr auf der Bühne meistens eine dieser Trommeln: Trống đại, Trống vỗ oder Trống cái. Die erste ist die große, dickbauchige Trommel mit fassförmigem Schallkörper und nur einem Fell. Man nennt sie auch „Beifallstrommel“, denn früher war sie im Theater das, was heute in TV-Sitcoms die eingespielten Lacher vom Band sind. Die zweite unterscheidet sich nur unwesentlich, und die dritte ist diese knallrot lackierte große Holztrommel mit kleineren Ablegern, eine traditionelle Basstrommel, die auch eher bauchig ist. Sie kann an einem Holzrahmen aufgehängt sein oder in einem Gestell ruhen. Unser Drummer Thắng spielt alle Trommeln im Stehen.

Die Querflöten (Sáo trúc)

Phương, der Meister aller Klassen, beherrscht nicht nur die „36“ perfekt, sondern auch die Bambusflöte. Er hat immer einen ganzen Kasten mit Flöten in verschiedenen Tonhöhen dabei. Sie werden unterschiedlich eingesetzt, denn in Vietnam werden Instrumente nach freiem Ermessen gestimmt, und da kann es schon mal sein, dass es eine tiefere oder höhere Flöte sein muss! In der vietnamesischen Musik gibt es jedoch nur wenige Flöten – Längsflöten, Oboen und eben die Querflöte. Meistens ist so eine Flöte aus Bambus und hat einen Durchmesser von 1,5 cm bei einer Länge von 50 bis 60 cm. Und die ovalen Löcher sind 6 mm x 8 mm groß. Das erste Blasloch ist mit einer hauchdünnen Schilfmembran bedeckt (das kann aber auch Schweinsblase sein oder ein Zigarettenblättchen), und es gibt 7 Griffstellungen. Die schwierigste hat den Namen quot;Schere des Krebses“, buc càng cua. Zur Geschichte kann man sagen, dass es schon im 9. Jahrhundert auf Säulen in der berühmten Van-Phúc-Pagode Darstellungen von Flöten gab, und dann erst wieder ab dem 18. Jahrhundert. Heute gehört die Querflöte ins traditionelle Orchester, wobei sie keine Solos kennt und kein eigenes Repertoire.

Die Kastenhalslaute 

Diese Laute ist heute in Vietnam nur noch selten anzutreffen; und sie wird niemals von Frauen gespielt. Der Quan họ Chor hat keine eigene im Ensemble und greift deswegen auf unser Multitalent David Beck von La Caravane du Maghreb zurück, der mit der Gimbhri eine hervorragende Ergänzung darstellt. In modernen vietnamesischen Orchestern findet man statt der Kastenhalslaute eher eine spanische Gitarre.


Quellen:

Einführung in die Musik Vietnams; Trân Van Khé; Internationales Institut für vergleichende Musikstudien (Hg.: Ivan Vandor); Heinrichshofen’s Verlag, Wilhelmshaven 1982

From Rice Paddies and Temple Yards : Traditional Music of Vietnam; Phong Thuyet Nguyen, Patricia Shehan Campbell; World Music Press 1990 

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