Donni Sò

Italienische Volks- & Arbeitslieder

Lieder für zukünftige Generationen bewahren, sie mit der Welt teilen, bevor sie aus dem Gedächtnis der Menschen verschwinden, auch darum geht es dem Frauenchor Donni Sò (korsisch für „Frauen sind’s!“), der 2005 in Berlin gegründet wurde. Annunziata Matteucci, die Leiterin des Chores, begreift die Musik des Chores als einen kulturellen Fundus, der, wenn er nicht gepflegt wird, einfach verloren geht.

Zurzeit singen bei Donni Sò 23 Frauen im Alter von 30 bis 60. Das Repertoire des Chores besteht aus italienischen Volks- und Arbeitsliedern. Lieder aus einer musikalischen Tradition, die im ganzen Land verbreitet war. In Norditalien hat sich mit der Industrialisierung die Arbeitswelt so sehr verändert, dass in der Folge Lieder zur Unterstützung und Erleichterung spezieller Arbeitsvorgänge nicht mehr gesungen wurden und mehr und mehr in Vergessenheit gerieten. Die religiöse Musik dieser Tradition ist durch die Riten, mit denen sie verbunden ist, vor allem in Süditalien heute noch sehr lebendig. Die Lieder sind mehrstimmig und werden A capaella gesungen.

1. Divina Consoladora

Himmlische Trösterin 
Des schmerzlichen Schmerzes
Gib uns eine Medizin gegen unser Leiden…

2. La Pagliarella – Mai-Lied

Hier ist der Mai, wer ihn sehen will 
Wenn alle Gutsverwalter mir ein Lamm bringen könnten! 
Er kommt vorbei, kommt noch mal und wird wieder kommen 
Willkommen sei der Mai, willkommen sei der Mai.
„Hausherrin, geh schlafen 
Und wenn es keine Eier gibt, nimm die Henne“…
„Hausherrin, geh mal Speck holen 
Schneide gut zu und wasch dir die Hände.“

La Pagliarella, das Mai-Lied, stammt aus Fossalto, einer Gemeinde in der Region Molise in der Provinz Cambobasso. Es heißt den Frühling willkommen, beschreibt, was zu einem solchen festlichen Anlass zu tun ist und welche schöne Speisen auf die Hofarbeiter warten. Dieses Lied hat ein mit Annunziata Matteucci befreundeter Musikethnologe nach Berlin gebracht. Er hatte es in Fossalto aufgenommen und dem Chor in einem Seminar weiter gegeben. 

Die Musik

Traditionell ist die schönste Stimme nicht die wohlklingendste, sondern die lauteste: die, die am anderen Ende des Dorfes noch zu hören ist, eine Kraft, die in der Enge der Städte verloren gegangen ist. Für diese Lieder wird nicht exakt im Takt dirigiert, vielmehr bestimmen Atmung und Stimmung des Liedes und der Sängerinnen den Rhythmus. Ihre Tonalität, die auch Vierteltonschritte beinhaltet, ist für ein an gleichstufig temperierte Stimmung gewöhntes Ohr vielleicht ungewohnt. 
Die Chorleiterin Annunziata Matteucci ist Musikethnologin. Ihre Vorfahren stammen aus der Toskana und den Abruzzen. Annunziata Matteucci kennt diese speziellen italienischen Volkslieder aus ihrer Kindheit. Ihre Großmutter sang sie mit den Nachbarinnen dreistimmig, ein Schatz, den Annunziata damals noch nicht zu würdigen wusste, sie hielt sich bei solchen Gelegenheiten sogar eher die Ohren zu, erinnert sie sich. In Paris begegnet sie diesen Liedern viele Jahre später wieder, als sie Giovanna Marini, die italienische Sängerin, Komponistin und Musikethnologin, kennenlernte. Giovanna Marini entdeckte in den 1960er Jahren das italienische Arbeitslied wieder und entwickelte ein Notensystem für dessen Niederschrift. Sie begann die Lieder zu sammeln und zu katalogisieren.

In den 1990er Jahren hatte Marini gerade einen Lehrstuhl für Musikethnologie an der Universität Paris VIII Vincennes-Saint Denis inne. Annunziata Matteucci begann dort zu studieren. Seither haben die italienischen Volkslieder sie nicht mehr losgelassen. Sie fährt regelmäßig nach Italien, sucht dort nach alten Liedern, lernt und sammelt sie, auch mit dem Chor Donni Sò.

Der Chor ist als Ergebnis einer solchen Forschungsreise entstanden. 2005 fuhr Annunziata mit einer Gruppe von dreißig Frauen nach Sardinien und nahm dort an den Osterprozessionen in mehreren Städten Sardiniens teil. In Orosei in der Provinz Nuoro an der Ostküste der Insel hörten sie zum ersten Mal das Lied Divina Consoladora, himmlische Trösterin, ein Lied aus der dortigen Gemeinde. Es wird traditionell bei einem Marienfest im September von vier Sängern, den sogenannten „Tenores“, gesungen. Die Frauen haben das Lied von einer dieser Sängergruppen des Dorfes erlernt. Sie übten in einer alten Kirchenruine. Die Männer sangen, die Frauen hörten zu, sangen mit und lernten. Genauso werden die Lieder von den Vätern an die Söhne und die Enkel weitervererbt. Das war eine außergewöhnliche Situation für alle Beteiligten. Die Sarden waren erstaunt und zugleich stolz, dass sich Frauen aus Deutschland für ihre alte Musik interessierten, und die Frauen bekamen mit diesem Lied einen besonderen Schatz geschenkt. Sie brachten das Lied mit nach Deutschland, und es wurde das erste im Repertoire des nach der Reise gegründeten Chores.


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