La Caravane du Maghreb

Gnawa-Musik ist unergründlich

Ihre Wurzeln gehen zurück auf die westafrikanischen Sklaven in Marokko, die so die Erinnerungen an ihre Vorfahren bewahren wollten. Man sagt dieser Musik heilende Kräfte nach: In rituellen Gnawa-Nächten (so genannten Lilasoder Hadras) geraten die Zuhörer bei stundenlangen Performances von Gnawa-Meistern (Maalems) in Trance-Zustände. Die Beiträge von La Caravane du Maghreb im Heimatlieder-Projekt sind deutlich kürzer – aber nicht weniger eindrucksvoll.  

Die Band

Musiker aus Marokko, Algerien und Schwaben

Seit vielen Jahren schon macht Youssef Belbachir marokkanische Musik in Berlin mit dem Gitarristen Karim Souheil. Bald kam Miloud Messabihi aus Algerien dazu, er spielt unter anderem Akkordeon und die große Zylindertrommel (T’Bal). Der Schwabe David Beck spielt verschiedene Instrumente, darunter die Oud und die „heilige“ Gimbri, eine dreisaitige Kastenhalslaute. Ob er dafür in Marokko Heiligengräber besucht hat, lassen wir einfach einmal offen – mehr zum Kult um die Gimbri weiter unten („Die Instrumente“). Außerdem zieht die Caravane niemals ohne den Algerier Redha Bendib (Perkussion) weiter.


1. Saadi belouali jani ist eine Verehrung des Heiligen Abd al-Qādir al-Dschīlānī (gestorben 1166 in Bagdad), ein berühmter Sufi des Islam und Gründer des Ordens der Qardia, des Derwisch-Ordens. Der Text besingt den Propheten und drückt im Refrain die Hoffnung auf Heilung durch Gott und ihn aus:

„Ich bin glücklich, heute, da der heilige Moulay Abd al-Qādir mit dem grünen Turban mich besuchen kommt.“

Dieses Lied ist in Marokko außerordentlich bekannt, es wurde und wird in vielen Versionen gesungen. Youssef Belbachir hörte es zum ersten Mal vor einigen Jahren, als er die Gnawa-Musik kennen lernte. Er war derart beeindruckt von den Gnawa-Klängen, dass er Saadi belwali jani nach Berlin praktisch mitgenommen hat. Mit Karim kam er auf die Idee, der traditionellen Interpretation Gitarrenklänge hinzuzufügen.

2. Ana dini din allah stammt aus dem arabisch-andalusischen Repertoire. Es ist ein Liebeslied aus Nordmarokko und besingt die seltene Schönheit der Geliebten. Im Refrain wird um Gottes Segen und Glaubenskraft gebeten. Youssef Belbachir und Karim Souheil kennen das Lied seit ihrer Kindheit. Es ist in Marokko sehr beliebt und wird in vielfachen Versionen gespielt. Die Oud, eine Kurzhalslaute (siehe auch weiter unten „Die Instrumente“), steht bei Ana dini din allah im Mittelpunkt, sie trägt die Melodie. Das Instrument ist in diesem Kulturraum in vielen Haushalten zu finden, so wie in Deutschland etwa die Gitarre.

Die Oud ist auch das Hauptinstrument der arabisch-andalusischen Musik. Diese Stilrichtung entwickelte sich vom 9. bis zum 15. Jahrhundert auf der iberischen Halbinsel. Sie mischt arabische, westliche und jüdische Einflüsse. Die Vertreibung von Muslimen und sephardischen Juden nach der Reconquista, der „Wiedereroberung“, des Landes durch die Christen, führte dazu, dass sich diese Musik über das heutige Spanien hinaus verbreitete – unter anderem in die Länder des Maghreb.

Gnawa-Musik und ihre Anhänger

Wo kommt das Wort Gnawa eigentlich her?

Es gibt zur Begriffsherkunft eine ganze Reihe mehr oder weniger überzeugender Ideen. So könnte Gnawa eine Ableitung von Guinea sein, womit der Westsudan gemeint ist, und auch von Djenné, einer Handelsstadt in Mali. Deren Bewohner hießen Djinnawa, oder auch Guinawa (in der arabischen Sprache sind die Übergänge zwischen dj und k und g fließend). Die Araber und Berber, also die nichtarabische Bevölkerung Nordafrikas, bezeichneten die Schwarzen im Westen des Kontinents Gnawa.

Der erste Wissenschaftler, der sich der Sache annahm, war vermutlich William Desborough Cooley (ca. 1795–1883), ein wackerer irischer Geograf, der auf einer seiner zahlreichen Afrika-Reisen notierte, dass in der Sprache Timbuktus Gnawa ganz einfach mit „Schwarzer“ zu übersetzen sei. Das muss aber nichts heißen, denn inzwischen sind viele der Forschungsergebnisse Cooleys, zum Beispiel sein Buch The Negroland of the Arabs examined and explained (1841), wissenschaftlich widerlegt. Aber egal! Berber im Sous-Tal und im Anti-Atlasgebirge leiteten das Wort Gnawa von igri ignawan ab, wörtlich: „Feld der wolkigen Himmel“. Auch ein guter Ansatz, zumal Rauchwaren (kif) bei Gnawa-Sessions immer schon eine wichtige Rolle spielten… und zu den Phänomenen Geisterbesessenheit und Trance kommen wir weiter unten. Heute spricht man von einem Gnawi und vielen Gnawa, und gemeint sind damit die Musiker aus einer ethnischen Minderheit in Marokko, deren Vorfahren Sklaven aus dem westlichen Afrika südlich der Sahara waren.

„Eine Tortur für meine Ohren“

Westliche Forscher, die im 19. Jahrhundert in Gnawa-Sessions gerieten, erlebten die Musik, die sie hörten, als etwas völlig Neues, Andersartiges. So schrieb etwa der englische Musikwissenschaftler Sir Arthur Seymour Sullivan, nachdem er in Kairo über drei Stunden lang Gnawa-Musik gehört hatte: „The Music is impossible to describe and impossible to note down. I came away dead beat, having listened with all my ears and intelligence“ (Fortnightly Review, 1905). Der österreichische Komponist Sigismund Ritter von Neukomm war 1835 in Algier und sprach davon, dass die Musik dort für seine Ohren eine „Tortur“ gewesen sei. Andere sahen in der Musik Bezüge zur europäisch-andalusischen Romantik, was was wieder einmal beweist, dass Musik einfach jeden anders erreicht.

In der Gnawa-Musik geht es aus ihrer Geschichte heraus häufig um Heimatverlust und das Gefangensein (Bezüge aus der Sklavenzeit), um die Strapazen des Lebens und als Folge all dessen um die Spiritualität, das Anrufen von Gott und Geistern.

Was für ein Fanclub

Frühe Kalifen, Jimi Hendrix und Carlos Santana

Schon im Jahr 661 beschäftigte man sich in der arabischen Welt nachweislich auch wissenschaftlich mit Musik. Der Kalif Moawiya hatte zahlreiche griechische Gefangene gemacht, die ihn auch kulturell interessierten. Er ließ ihre Werke und ihre Musik übersetzen. Das Wort Mooseeka, Musik, ist beispielsweise aus dem Griechischen entlehnt. Daneben gab es auch andere frühe musikwissenschaftliche Forschungen. Einige Kalifen waren selbst begnadete Musiker. Im Jahr 780 schrieb der Poet Chalil ein „Buch der Töne“ und das „Buch vom Rhythmus“, gleichzeitig arbeitete Obeidallah Ben Abdallah an „Töne und ihren Abwandlungen im Lied“, und der fleißige El Kindi legte gleich sechs Bücher vor, über Komposition, die Gesetze der Töne, Elemente in der Musik, Rhythmus, Instrumente und die Vereinigung von Poesie und Musik. Das alles im Jahre 862 (während im Norden die Wikinger gerade Nowgorod eroberten).

Abu-Aiica, ein Sohn des Kalifen Motawakil, komponierte in dieser Zeit allein 300 Stücke, und man erzählt sich, dass berühmte Musiker 21.000 Melodien auswendig konnten (Quelle: „Arab Music and Instruments“, siehe unten). Es gab sogar schon einen interkulturellen Austausch: Im Jahre 821 zog der berühmte arabische Musiker Serjab nach Spanien und eröffnete in Cordóba eine Musikschule, während gleichzeitig weitere Musikschulen in Sevilla, Granada, Valencia und Toledo gegründet wurden. Zeitsprung: Über 1.000 Jahre später, in der Hippiezeit in den 1960er Jahren, rückte die Gnawa-Musik weiter in das Bewusstsein westlicher Musiker. Jimi Hendrix, Carlos Santana und Musiker von Led Zeppelin kamen nach Marokko, um hier diese Musik zu inhalieren und von den Gnawa zu lernen.

Eröffnungskonzert für die 9. Zugvogeltage im Nationalpark Niedersächsisches Wattenmeer 27. August 2017, Oldenburgisches Staatstheater.

Ohne Fans keine Gnawa-Musik

Gnawa-Musik wird nicht im stillen Kämmerlein gemacht, sondern auf sogenannten Lilas oder Hadras (Gnawa-Nächte). Das sind Ritual-Veranstaltungen, die früher in der Familie, inzwischen aber auch auf Bühnen veranstaltet werden. Anlass ist, dass jemand krank ist, von Geistern besessen, und nun geheilt werden muss. Durch die hypnotische Musik soll der verantwortliche Geist (den eine Wahrsagerin identifiziert) angerufen und milde gestimmt werden. Ausführlicher zu solchen Ritualen weiter unten. Die Anhänger der Gnawa-Musik sind hauptsächlich die sogenannten haddamat, Dienerinnen. Sie machen einen Großteil der Fangemeinde aus.

Es gibt aber auch die abid, Knechte. Sie alle sorgen dafür, dass die Musiker genügend Aufträge haben, denn diese verdienen ihr Geld hauptsächlich auf solchen Hadras. Sie sind als Künstler hoch angesehen und ein wichtiger Bestandteil der Kultur des Maghreb. Frauen, deren Trance-Verhalten Suchtcharakter hat, nennt man Gnawa-Töchter. Sie sind bei einer Hadra meistens die ersten auf dem Parkett und animieren alle anderen zum Mittanzen. Sie müssen erst gar nicht eingeladen werden, denn sie kommen sowieso. Die Gnawa-Töchter nehmen auch am Pilgern teil und haben dort bestimmte Aufgaben wie Fahnen tragen, Weihrauch besorgen, oder eine Platte mit Datteln, Milch, Brot und Henna an einen Wahrsager übergeben.

Boom der Gnawa-Musik im heutigen Marokko

Gnawa-Musik hat einen hohen Stellenwert. Nicht umsonst hat zum Beispiel der marokkanische König in den letzten Jahren den Etat für Musikfestivals um 20 Prozent erhöht, damit so etwas wie das jährliche große Gnawa-Weltmusik-Festival in Essaouira, oder auch kleinere Festivals in Fes oder Tangir wieder mehr bei der Bevölkerung und auch in aller Welt bekannt wird (und die Wirtschaft ankurbelt). So kam es in der jüngsten Zeit zu einem regelrechten Revival der Gnawa-Musik.

Die Instrumente in der Gnawa-Musik


Die drei Hauptinstrumente T’bal (Fasstrommel), Gimbri, (dreisaitige Kastenhalslaute) und Qarqaba (Metallkastagnetten, ursprünglich Sklavenketten) erzeugen eine stark rhythmusbetonte Musik, und der Gesang dient dem Anrufen von Geistern und dem Propheten.

Hier die Instrumente von La Caravane du Maghreb – in den verschiedensten Schreibweisen, die vermutlich daher kommen, dass man aus der arabischen Schrift nicht 1:1 übersetzen kann.

Die Gimbri (Gunbrī, Gimbhri, Gunibry, Kināwa, Sentir, Guembri, الكمبري)

Dieses Instrument ist für die Gnawa das allerwichtigste Kultinstrument. Sie glauben, dass man durch die Gimbri mit den Geistern kommunizieren kann. Sie hat drei Saiten und ist in ganz Nord- und Westafrika verbreitet. Wo die Gimbri herkommt, ist nicht so ganz geklärt – verschiedene Quellen weisen auf Tunesien, Nordwestafrika, Nordnigeria und Westsudan/Guinea hin.Vermutlich haben die Araber die Gimbri in Nordafrika von den Einheimischen übernommen. Für sie war das ein volkstümliches Instrument. Die Gimbri wird mit Daumen und Fingern gespielt. Man trägt sie an einem Band um den Hals, weil das Instrument ein wenig unhandlich ist. Sie kann auch mit der Hand als Trommel gespielt werden. Bei La Caravane du Maghreb wird dieses heilige Instrument von David Beck gespielt, einem Meister dieses Instruments (der auch ein hervorragender Oud-Spieler ist! (Oud siehe weiter unten)

Der Kult um die Gimbri

Um ein richtig guter Gimbri-Spieler zu werden, muss man nicht nur fleißig üben, sondern man muss auch zum Grab des Heiligen Mūlay Būsta und Sīdī Ahmad u Mūsā pilgern, dort ein Schaf opfern und das Grab dreimal umrunden – natürlich mit der Gimbri in der Hand. Danach muss man zu einem in der Nähe wohnenden Nachfahren dieser Heiligen gehen, ihm das Instrument in die Hand drücken, und es dann wiederbekommen mit der Anrufung, Gott möge ihm helfen, ein guter Gimbri-Spieler zu werden. Wer die Gimbri spielt, ist während des Spiels auch von sentir beseelt. Der Geist kommt durch die Klangöffnung in das Instrument und spricht von dort, dem Rhythmus folgend. Das überträgt sich auch auf andere Geister und Tänzer. 

Es ist auch schon beobachtet worden, dass eine Gimbri nachts ganz allein anfängt zu spielen, was im Glauben der Gnawa auf die Anwesenheit eines bestimmten Geistes hindeutet. 

Viele glauben auch, dass die Gimbri von einem Geist bewohnt ist (deshalb heißt die Gimbriin Marokko Sentir). Sie wird von vielen wie ein menschliches Wesen betrachtet, dabei ist die Eisenspitze der Kopf, der Schaft der Hals, der Hohlkörper der Bauch und das Schallloch Nabel oder Mund, aus dem die Stimme des Geistes klingt. Alle Gnawa-Tänzer verehren die Gimbri wie ein menschliches Wesen. Sie wird bei Gnawa-Nächten (Hadras) vom Tanzmeister, dem Maalem, sogar persönlich mit gekreuzten Daumen begrüßt. Sie ist die Brücke zwischen Himmel und Erde.

Die Darbouka (Darbuka, Darabukka, Derbouka, دربوكة‎ )

Eine Darbouka ist eine einfellige Bechertrommel aus Ton, die in verschiedenen Größen und Formen in ganz Nordafrika zu finden ist. Besonders in den islamischen Ländern ist sie oft sehr eindrucksvoll verziert, mit Bemalungen oder Intarsien, zum Teil aus Perlmutt. Meistens wird die Darbouka unter den linken Arm geklemmt und mit beiden Händen gespielt. Amtlich gehört sie in die Gattung der Membranophone. Sie ist also ein sogenannter „Fellklinger“, weil der Ton zu Stande kommt durch eine klingende Membran, in diesem Fall das Trommel-Fell, die über den Trommelkörper gespannte Tierhaut.

Die Oud (Ūd, Oud, Kouitra (Algerien), Gitarha, Kithara, Kitra, عود)

Die Oud ist ein sehr wichtiges Instrument in der mittelalterlichen und modernen islamischen Musik. Sie ist aus Holz („ud“) kommt aus Persien (7. Jahrhundert). Man kann diese Kurzhalslaute als Vorgängerin der europäischen Laute betrachten. Sie hat einen tiefen, pfirsichförmigen Körper, einen relativ kurzen Hals ohne Bünde, und die Wirbel sitzen außen am Wirbelkasten. Die Saiten sind in der Regel aus Darm gemacht, sind mit Spannung auf dem Bauch des Instruments angebracht und werden mit einem Plektron gespielt. Klassische Ouds haben 4 Paar Saiten, aber es gibt auch welche mit 5 oder 6 Saitenpaaren. Die von David hat 5 Saitenpaare und eine Basssaite. Die Chinesen haben eine leicht abgewandelte Form der Oud, die Pípa (琵琶), die insgesamt schlanker und noch feiner ist.

Die Qarqabas (Krakebs, Qraqeb, Garagab قراقب‎ ) 

Die Qarqabas sind richtige Krachmacher. Es gibt sie immer nur paarweise. Sie gehören zu den sogenannten Idiophonen. Das sind Instrumente, die nur einen einzigen Ton können – den des Materials, aus dem sie sind. Das kennt man auch von Klanghölzern, die aufeinander geschlagen werden, auch Klappern genannt. Qarqabas sind Eisenkastagnetten, die als Rhythmusinstrument eingesetzt werden. Klappern waren schon in der antiken Welt bekannt. Zum Beispiel fand man sie im alten Ägypten, wo sie als Ersatz für das Händeklatschen dienten. Seit ewigen Zeiten gibt es Klappern in allen Teilen der Welt, von Europa bis Indonesien und Afrika.

Bei einer Hadra, einem Gnawa-Abend, gibt es meistens zwei Musiker mit Qarqabas, es können aber auch mehr sein. Aber einer allein reicht nicht! Die Eisenklappern sind ungefähr 30 Zentimeter lang. Sie haben oben und unten Wölbungen mit einer Öse, und in der Mitte ist ein Schaft mit zwei Löchern. Dadurch läuft eine Schlaufe, und mit der sind die beiden Hälften verbunden. Früher waren sie auch aus Korkeiche oder Feigenholz, inzwischen sind sie aber eigentlich von ganz Nord- bis Westafrika aus Metall.

Die T’Bal (T’bol, Ṭbol,Ṭbel, T’bal, Tobol, Ganga)

T’bals sind ganz verschiedenartige Trommel- und Paukentypen in ganz Afrika und in Asien, wo dieses Instrument sogar noch beliebter ist. Die Fasstrommel ist eine Art der einfachen Röhrentrommel, hier zu Lande kennt man auch den Begriff „Landsknechttrommel“, so eine Trommel, die beim Marschieren den Takt angibt. Sie ist auf beiden Seiten ungefähr gleichförmig. Zum Schlagen der T’bal wird ein etwa 30 Zentimeter langer Stock verwendet, der oben an einem Ende leicht gebogen ist. Der Resonanzkörper der T’bal ist aus Holz und mit Ziegen- oder Schafshaut bespannt. In Nordnigeria heißt die T’bal auch ganga, ein Wort, das im Namen eines Geistes, den die zentralmarokkanischen Gnawa anrufen, vorkommt: Sīdī Gangafū. Und in Brasilien gibt es Rituale für den Geist Ganga-Zumba.

Das Akkordeon

Das Akkordeon ist ein klassisches Volksmusikinstrument und gehört in jede Bigband. Von der Instrumentengattung her ist es ein Aerophon, weil es mit Luft funktioniert (der Ton entsteht durch Luftvibration, das Instrument wird ja praktisch mit Luft aufgeblasen und leergepumpt). Im Nachschlagewerk „Musikinstrumente der Welt“ kann man lesen: „Es ist der technisch und musikalisch höchstentwickelte Typus aus der Familie der Harmonikainstrumente, ein tragbares, polyphon spielbares Balginstrument mit durchschlagenden Zungen.“ Jetzt wissen wir Bescheid!

Miloud Messabih spielt ein Piano-Akkordeon mit 41 Klaviertasten, 11 Melodieregistern, einer Hauptkopplung, 120 Bässen und 7 Bassregistern. Klingt alles so, als könnte man damit beim Autoquartett so richtig abräumen! Fakt ist aber: Das Akkordeon passt zur Gnawa-Musik wie Pott auf Deckel. Erfunden wurde es wohl im 19. Jahrhundert. Es entwickelte sich rasend schnell zum Verkaufsschlager der Arbeiterklasse, weil man relativ leicht und ohne Unterricht darauf beliebte Melodien nachspielen konnte und weil es so schön robust war. Daraus entwickelten sich weitere Versionen wie das Knopfakkordeon, die englische Concertina, das französische Accordion musette und das russische Bajan.

Der Bendir (بندير)

Das ist eine Rahmentrommel, älteren Semestern aus dem Turnunterricht so ähnlich noch als Tamburin bekannt. Der Bendir sieht so ähnlich aus, hat einen runden Rahmen, über den eine Tierhaut gespannt ist (bis hierhin wie beim Tamburin), aber  – jetzt kommt der Unterschied! – auf der Unterseite gibt es noch sogenannte Schnarrsaiten, die den Klang verändern. Solche dreisaitigen Banadir sind am häufigsten in Marokko anzutreffen, wo dieses Instrument auch herkommt: aus Nordafrika, aus dem Maghreb. Ähnliche Formen sind die arabischen Rahmentrommeln riq und tar, die aber an der Außenkante mit Schellen besetzt sind. Unser Bendir aber ist sehr wichtig in der populären algerischen Musik und natürlich in der Gnawa-Musik. Denn Banadir sind neben der Darbouka ein wichtiges Rhythmusinstrument.

Exkurs: Von Geistern und wie man sie ruft oder wieder los wird

Goethes Zauberlehrling wäre mit Gnawa-Musik möglicherweise geholfen gewesen, denn er klagte: „Ach, da kommt der Meister / Herr, die Not ist groß / Die ich rief, die Geister / Werd ich nun nicht los.“ In diesem Exkurs werden wir euch ein wenig über den Hintergrund der nordafrikanischen Geisterbeschwörungsrituale erzählen, deren tragendes Element die Gnawa-Musik ist. Wenn ihr noch mehr darüber erfahren wollt, zum Beispiel welche Geister es gibt, wie sie heißen und was sie mögen, oder über Schicksale von berühmten Gnawa-Musikern und Gnawa-Töchtern, empfehlen wir euch ganz unten in ein paar Bücher, vor allem aber „Der Gnāwa-Kult: Trancespiele, Geisterbeschwörung und Besessenheit in Marokko“. Alle übrigens im Bestand der Bibliothek des Ethnologischen Museums Berlin einsehbar. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an die Mitarbeiterinnen dort, die uns bei der Recherche supernett unterstützt haben.

Beginnen wollen wir mit einem Zitat des Regisseurs Souleyman Cissé aus Mali:

„In Afrika gibt es alles, aber nichts existitiert wirklich.“

Du willst nicht arbeiten? Vielleicht bist du besessen!

Juckreiz, Verwahrlosung, Verweigerung von Arbeit, seltsames Essverhalten, grundloses Lachen, Weinen oder Schreien oder ein plötzlicher Verhaltenswechsel – all diese Phänomene können darauf hindeuten, dass hier jemand von einem Geist oder gar mehreren Geistern besessen ist. Spirituelle Kräfte ergreifen vom Körper eines Verlorenen Besitz und können seine Persönlichkeit verändern. In Extremfällen löst sich der ursprüngliche Charakter eines solchen Opfers auf und wird durch den Charakter des von ihm Besitz nehmenden Wesens verdrängt. Die eigene Seele verschwindet, aus dem Körper spricht nun nur noch der Geist. Solche Besessenheitszustände werden zum Teil gefürchtet, denn sie haben auch immer mit geistigen und körperlichen Belastungen zu tun. Oft führen sie auch zum sozialen Ausstieg, doch dazu später. Andererseits werden solche Zustände auch gesucht, um sich in Sachen Jenseits jetzt schon einmal zu informieren. Jedenfalls besteht bei Besessenheit Handlungsbedarf.

Und so wird Besessenheit geheilt:

Zunächst muss festgestellt werden, um welche Art von Besessenheit es sich überhaupt handelt. Der oder die Betroffene wendet sich also an Experten, die sich mit Geistern bestens auskennen. Das sind beispielsweise so genannte Gnawa-Töchter, oder auch Suwafas, Wahrsagerinnen oder Amulettschreiber, fqih. Sie wissen ganz genau, welcher Geist welche Krankheit oder welchen Gemütszustand auslöst und wie man diesen Zustand heilen kann. Ein gutes und weit verbreitetes Mittel ist das Veranstalten einer eigenen Hadra. Dazu muss man zuerst aber einen ehrlichen Kassensturz machen, denn so eine Hadra-Nacht kann ganz schön ins Geld gehen. Wenn man aber flüssig ist, kann geplant und organisiert werden: Man besorgt als erstes die Gnawa-Musiker, wobei einem die Wahrsagerin gern behilflich ist, denn sie kennt erfahrungsgemäß viele.

Dann werden die Gäste eingeladen. Bei einer kleinen Hadra sind das ungefähr 40 bis 50. Die Frauen kümmern sich um das Essen für alle, was eine große Aufgabe ist, denn es gehört sich, dass ordentlich aufgetischt wird. Außerdem muss ein Opfertier her. Das besorgen die Männer. Meistens ist es ein Schafsbock – oder der etwas preiswertere Ziegenbock. Wer es sich weiter leisten kann, engagiert eine Haushälterin, die alle bewirtet und sich um alles Nötige kümmert. Das Ganze kostet ungefähr ein Lehrergehalt, denn immerhin gibt es für alle gut zu essen, dazu die Gage für die Musiker und die Wahrsagerin plus Kultgegenstände, und natürlich Kerzen, Räucherwerk und das Opfertier. Da kommt schnell einiges zusammen! Ist alles organisiert, kann es losgehen.

Ablauf einer Hadra: Nichts für schwache Nerven

Der ganz traditionelle Ablauf einer kleinen Hadra ist ungefähr so: Um 19 Uhr treffen die Musikanten und Gäste ein. Um 20 Uhr wird das Tier geopfert, unter schrillen Schreien der Frauen (Französisch: you you bzw. auf Arabisch za’garit). Alle Gäste werden ein bisschen mit dem Opferblut besprengt. Musik erklingt, es gibt Schautänze bei Oliven und Brot. Danach: Großes Festessen. Couscous mit Fleisch vom Opfertier, Hühner in kalter Soße und Brot. Als Nachtisch gibt es Kaffee und Gebäck. Das alles dauert ungefähr bis Mitternacht. Dann weiht der maalim, der Zeremonienmeister, die Kultgegenstände und die Gimbri. Das Räucherwerk wird entzündet, denn sonst käme kein Geist. Von Mitternacht an werden traditionell 22 Liedgruppen (mhalla) für die unterschiedlichen Geister gespielt. Sie haben ganz verschieden viele Strophen. Gnawa-Musik vom Allerfeinsten. Manchmal gibt es Pausen, muss aber nicht. Getanzt wird die ganze Nacht. Viele Tänzerinnen fallen in Trance, das gehört nicht nur einfach dazu, sondern ist ein Zustand, den es zu erreichen gilt.

Anfänger dagegen neigen manchmal dazu, zu kollabieren, denn die Situation ist gewöhnungsbedürftig: Meistens herrscht nur Schummerlicht in den rauchgeschwängerten Räumlichkeiten. Die Musik ist intensiv und laut, und die Musiker können durch Rhythmuswechsel das Tranceverhalten der Tänzer und Tänzerinnen steuern. Es wird geschrieen und gestöhnt. Wichtig sind auch immer Besucher, die einen klaren Kopf behalten und in Trance Fallende auffangen. Wenn das Licht wieder angeht, liegen viele Hadra-Gäste in kateleptischen Zuckungen auf dem Boden, werden beweihräuchert und schließlich geweckt.

Um 7 Uhr früh gibt es Frühstück für alle, das Ritual ist beendet, die Geister sind milde gestimmt oder vertrieben, alle gehen zufrieden und erschöpft nach Hause. Bei einer großen Hadra gibt es noch mehr zu erleben, wie etwa eine Prozession, mehr Opfer, mehr Zeremonien. Da wird beispielsweise Milch getrunken, die über Nacht in einem Zimmer stand, und in die die Geister ihren Finger getaucht haben – das gibt baraka, Segenskraft.

Was genau ist eine Trance?

Das Wort kommt vom Lateinischen transire, hinübergehen. Damit wird der Übergang von einem Bewusstseinszustand in einen anderen bezeichnet. Sich in Trance fallen lassen heißt, in einen Zustand extremer Aufnahmefähigkeit einzutreten und sich inneren und äußeren Kräften willenlos hinzugeben. Eine Trance kann man zum Beispiel hervorrufen durch Musik, rythmisch-monotones Trommeln, Tanzen, Atemtechniken, Meditation und natürlich durch Drogen, aber das ist eine andere Geschichte. Manche bezeichnen das jährliche Gnawa-Weltmusikfestival in Essaouira als „Hort der Drogen“, aber wie gesagt: eine andere Geschichte.

Um sich von Geistern zu befreien gibt es in vielen Religionen und Glaubensgemeinschaften in Besessenheitskulten das Mittel der Trance – im Maghreb wird diese also durch Gnawa-Musik erreicht. Die Abgrenzung zur Ekstase ist übrigens, dass man in Trance in sich selbst versinkt, in Ekstase aber aus sich heraustritt. Den übermenschlichen Wesen, die es zu vertreiben gilt, sind bestimmte Vorlieben wie Farben und Speisen oder Opfertiere zugeordnet. Die werden während einer Trance wiedergegeben, was den Geist dazu bringt, den Besessenen nicht weiter durch Krankheit oder andere unangenehme Zustände zu schädigen. Im Gegenzug verpflichtet sich der Geheilte in manchen Kulturen dazu, der spirituellen Macht seinen Körper zu leihen – und zwar zeitlebens. So können Gläubige die Welt nach dem Tode in ihrem Interesse schon jetzt ein wenig beeinflussen.

Auswirkungen auf die Gesellschaft

Heimatlieder-Fans wissen es längst: Gnawa-Musik kann süchtig machen! Trance auch. Und so ist es nicht verwunderlich, dass es viele verlorene Seelen gibt, die immer und immer wieder an Hadras teilnehmen, die fünfmal in der Woche durchtanzen, weil sie besessen sind, oder weil sie als Tänzerinnen oder Tänzer eingeladen werden. Und wie Partygänger in der westlichen Welt gut nachvollziehen können: Durchmachen heißt nicht unbedingt größte Fitness am nächsten Tag. Viele Gnawa-Anhänger geraten durch ihre regelmäßigen nächtlichen Aktivitäten komplett aus dem Gleichgewicht. Sie können tagsüber nicht mehr arbeiten, sondern höchstens jobben. Wenn überhaupt, verdienen sie sich etwas Geld mit illegalem Verkauf von Drogen oder Alkohol, als Schuhputzer, Gelegenheitsarbeiter, Träger oder fliegender Händler.

Frauen landen nicht selten in der Prostitution, zumal es auch in Trancezuständen immer wieder sexuelle Übergriffe gibt, gegen die in Trance Gefallene sich nicht unbedingt wehren können. Und so bedingt eins das andere, und man befindet sich in einer ganz anderen Welt. Hier tummeln sich auch andere von der Gesellschaft Ausgeschlossene wie etwa Homo- oder Transsexuelle, oder Menschen, die aus anderen Gründen nicht den Konventionen entsprechen (wollen). Ferner können Trance-Rituale auch als Gegenveranstaltung gesehen werden zum Durchsetzen von Religionen (Christianisierung) und jeder Form der Fremdbestimmtheit. Jeder kann sich in diesem Paralleluniversum der Gnawa-Welt relativ selbstbestimmt bewegen, Liebhaber haben und sich vielleicht ein bisschen freier fühlen, denn nachts sind bekanntlich alle Katzen grau.


Quellen:

Arab Music and Instruments – With Introduction on how to appreciate Arab Music, Francesco Salvador-Daniel, London, 1914 (Salvador-Daniel ist spanischstämmig und hat von 1853-1866 in Algerien gelebt, Co-Autor (2. Teil): Henry George Farmer

Der Gnāwa-Kult – Trancespiele, Geisterbeschwörung und Besessenheit in Marokko, Frank Maurice Welte, Frankfurt am Main, 1990

Introduction aux musiques africaines, Kora Rossi, Cité de la Musiques/Actes Sud, 1997 (Die Musik Afrikas, Kora Rossi, Heidelberg aktualisiert 2001, palmyra-verlag.de)

Musikinstrumente der Welt – Eine Enzyklopädie mit über 4000 Illustrationen, Bertelsmann Lexikon-Verlag 1976

Wörterbuch der Völkerkunde, 2. Auflage, Reimer Verlag 2005

Die Berber – Ein Volk zwischen Rebellion und Anpassung, G. Schweizer (Salzburg 1981)

Die Berber. Mythos und Wandlung einer alten nordafrikanischen Kultur, W. Neumann, 1983

People of the World – The Middle East and North Africa, Joyce Moss, George Wilson, Detroit, 1992

Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Band II, Cancik, Gladigow, Laubscher, Stuttgart 1990

Brockhaus-Riemann Musiklexikon in zwei Bänden, Mainz 1978

A History of European Folk Music, Jan Ling, Rochester NY, 1997


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